Das Drama einer Familie

VORWORT

Unsere Beiträge unterliegen keinen Regeln. Jede Gemeinde, jede  Person entscheidet selbst, worüber berichtet werden soll. Manche Geschichten sind kurz und knackig, manche ausführlicher. Selten sind sie länger. Diese Geschichte hier braucht Zeit und Interesse. Wir veröffentlichen sie im Original des Schreibers.

Kriegerdenkmal Riedlingsdorf – Station 11 „Stätte der Erinnerung“

Wenn man das Gemeindezentrum von Riedlingsdorf besucht, dann fällt auf, dass anders als in vielen anderen Gemeinden, das Kriegerdenkmal nicht unmittelbar an der Gemeindestraße liegt, sondern dass es sich etwas abseits auf einem größeren Platz befindet. Besonders auffällig ist aber die Tatsache, dass ihm ein Friedensdenkmal mit einer Friedenstaube gegenübergestellt ist und dass beide Denkmäler mit einem Glasdach miteinander verbunden sind. Außerdem befindet sich in unmittelbarer Nähe eine Stationstafel eines Rundweges, der 2022 eröffnet wurde und der an dieser Stelle endet. Über diesen Platz geht man normalerweise zur dahinterliegenden Volksschule um seine Kinder abzuholen oder man besucht eine Veranstaltung im Turnsaal oder im ebenfalls angrenzenden sogenannten Kulturkeller. Vermutlich wird man bei diesen Gelegenheiten allen drei Artefakten wenig Beachtung schenken. Nur zu Allerheiligen stehen Kriegerdenkmal und Friedensdenkmal kurz im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, wenn die Marktgemeinde Riedlingsdorf ihre Bürgerinnen und Bürger zum Totengedenken einlädt, wo Volksschulkinder Gedichte über den Frieden aufsagen und eine Blasmusikkapelle während der Kranzniederlegung durch den Bürgermeister das Lied vom guten Kameraden spielt.

Während also die meisten Menschen an diesem Ensemble vorbeieilen ohne es zu beachten, geht von ihm eine gewaltige symbolische Wirkung aus, denn es erinnert an einen Asteroiden, der vor zwei Generationen mit verheerenden Folgen einschlug. Dieser Asteroid hieß „Zweiter Weltkrieg“ und der Einschlag erfolgte mitten in die Familien von Millionen von Menschen. Der Brandhorizont, den dieses Menschheitsinferno verursachte, der ist immer noch in den Familiensystemen in unterschiedlicher Größe und unterschiedlicher Zusammensetzung vorhanden und selbst die Kleinen, die in der Früh in die Volksschule laufen, haben, ohne es zu wissen, ihr Leben auf diesem Brandhorizont aufgebaut und werden von ihm tagtäglich beeinflusst.

Von der Erforschung dieses Brandhorizontes in meinem Familiensystem, die sich für mich im Rückblick gesehen als Lebensaufgabe herausstellte, davon soll diese Hausgeschichte handeln.

Mein Großvater – erste Berührung mit dem Brandhorizont

Als ich noch ein Kind war, verbrachte ich sehr viel Zeit bei meinen Großeltern mütterlicherseits. Meine Großeltern waren Nebenerwerbsbauern und während mein Großvater im Sommer als Hilfsarbeiter auf Baustellen in ganz Österreich arbeitete, verbrachte er die Wintermonate mit dem Anfertigen allerlei nützlichen Gerätschaften wie Besen, Rechen oder Körbe für die Landwirtschaft. Wie bei vielen anderen Bauern auch geschah dies in der Küche, jenem Raum, der permanent beheizt wurde. Und wie viele andere auch trank er in dieser Jahreszeit das typische Bauerngetränk dieser Zeit, den Most. Im Nachhinein gesehen war es vielleicht gerade dieses Setting, Handarbeit und Mosttrinken, das ihn dazu veranlasste, sich seine Ängste von der Seele zu reden. Vielleicht hatte auch ich einen Anteil an diesem Setting, denn ich bin mit einer Gabe auf die Welt gekommen, die heute sehr selten geworden ist. Ich kann nämlich nicht nur gut zuhören, ich wirke auf Menschen auch oft so, dass sie mir ihre ganze Lebensgeschichte erzählen. Und so erfuhr ich von meinem Großvater etwas über den harten Winter in Finnland, wo er im Nachschub eines Kärntner Gebirgsjägerregiments in endlosen Strapazen Artilleriemunition mit Pferden und Tragtieren nach vorne in die Stellungen schaffte, die dann oft in wenigen Minuten im wahrsten Sinne des Wortes verpulvert wurden. Bei einem dieser Transporte gewährte er seiner kleinen Gruppe von Soldaten, für die er als Stabsgefreiter verantwortlich war, eine kurze Pause und deswegen wäre er fast von einem jungen SS-Offizier erschossen worden, der plötzlich wie aus dem Nichts auftaucht war. Bei einer anderen Gelegenheit erzählte der Großvater, wie er an Bord eines Nachschubschiffes stand, als er im Wasser einen Torpedo heran zischen sah. Durch die Wucht der Explosion wurde er zur Seite geschleudert, es gelang ihn aber von Bord zu kommen und sich in der sommerlichen Ostsee schwimmend solange über Wasser zu halten bis endlich Rettung kam. Hunderten anderen seiner Kameraden war dieses Glück nicht beschienen. Opa erzählte auch vom guten General Dietl und vom schlechten General Schörner. Jene Stelle am Südhang des Wechsels, wo das Flugzeug des guten Generals Dietl am Boden zerschellte, haben wir auch mindestens einmal besucht.

Die Geschichten meines Opas waren für mich sozusagen der Einstieg in den Brandhorizont meiner Familie. Im Nachhinein betrachtet, war ich als Acht-, Neunjähriger vermutlich mit den Erzählungen meines Großvaters heillos überfordert. Sie zu verarbeiten und sie richtig einzuordnen sollte mich daher lange nicht loslassen.

Heute würde man meinem Großvater wohl eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostizieren, hervorgerufen durch die permanente Todesangst, der er ausgesetzt war. Das Gebirgsjägerregiment 139, in dem er ab Spätherbst 1940 als Nachschubsoldat diente, war in den Jahren 1943 und 1944 in Karelien/Finnland eingesetzt. Im karelischen Urwald gab es teilweise keine festen Fronten, sodass es sowjetischen Stoßtrupps immer wieder gelang in die rückwärtigen Gebiete der deutschen Einheiten vorzudringen, deren Nachschublinien zu unterbrechen und Gefangene zu machen. In diesem Frontabschnitt kämpfte auch die 6. SS-Gebirgsdivision „Nord“ auf deutscher Seite und von dieser Division stammte vermutlich jener blutjunge Offizier, der meinen Großvater erschießen wollte, weil er seinen Männern eine Rast gewährte. General Eduard Dietl war jener „gute“ General, das Liebkind der deutschen Propaganda, der als Kommandeur der 3. Gebirgsdivision mit dem Gebirgsjägerregiment 139 im Rahmen der Operation Weserübung 1940 den Erzhafen Narvik besetzte und gegen eine vielfache Übermacht hielt. Am 23. Juni 1944 stürzte Dietl im Gemeindegebiet von Waldbach mit einer Junkers Ju 52 nach einer Besprechung mit Hitler ab und fand dabei mit mehreren Offizieren den Tod. Nach dem Krieg wurden Verstrickungen des Generals in verschiedene Kriegsverbrechen bekannt, sodass nach ihm benannte Straßen und Kasernen heute wieder andere Namen tragen. Rückblickend gesehen hatte mein Großvater noch großes Glück, denn von der 3. Gebirgsdivision verblieben nur das Gebirgsjägerregiment 139 und eine Artillerieabteilung in Finnland. Der Rest der Division kam an die Ostfront, zuerst zur Heeresgruppe Nord in den Bereich Leningrad und dann im Schatten der Schlacht von Stalingrad zur Heeresgruppe Süd. Ab Jänner 1943 machte die Division den gesamten opferreichen Rückzug dieser Heeresgruppe bis ins heutige Tschechien mit, wo die Überlebenden in sowjetische Gefangenschaft kamen, sodass ich mir ziemlich sicher bin, dass mein Großvater dies nicht überlebt hätte.

Meine Großmutter – mein erster Lebensmensch

Das traumatische Erlebnis meiner Kindheit schlechthin ist der Tod meiner Großmutter und mir wurde erst Jahrzehnte später bewusst, dass auch ihr qualvolles Sterben mit der Brandschicht des Zweiten Weltkrieges zusammenhing. Ich hatte meine Großmutter als gottesfürchtigen Menschen kennengelernt, der seine Kraft aus der Bibel und aus den Gottesdiensten bezog. Umso mehr war ich im Alter von 13 Jahren überrascht als sie plötzlich an Krebs erkrankte. Da sie eine Kämpfernatur war, wehrte sie sich monatelang gegen den Krebs, der in ihr unbarmherzig tobte. Als sie dann in der Vorweihnachtszeit 1978 in einem Spital starb, wog sie noch etwa 40 Kilogramm, sprechen konnte sie zu diesem Zeitpunkt aufgrund eines Schlaganfalles schon lange nicht mehr. Ich war gerade in Schladming auf Schikurs als mir mein Turnlehrer die Nachricht ihres Todes überbrachte. Ich werde seinen Gesichtsausdruck wohl nie vergessen, als ich seine Nachricht mit den Worten „Gottseidank“ quittierte. Er konnte ja nicht wissen, wie meine Oma in den letzten Wochen und Monaten gelitten hatte. Am Vorabend ihres Begräbnisses weinte ich um sie. Das waren dann für die nächsten 20 Jahre die letzten Tränen, die ich in der Lage war zu weinen. Zu tief saß der Schock, dass einem derart gottesgläubigen Menschen ein derartiges Ende beschieden ist. Meinen Glauben an Gott hatte ich in dieser Nacht auch verloren.

Heute kann ich sagen, dass sowohl das Weinen als auch der Glaube an Gott wieder zurückgekommen sind. Auch weil Ereignisse in meinem Leben eingetreten sind, die mich dazu gezwungen haben mich meiner Vergangenheit und auch der Vergangenheit meiner Familie zu stellen. Und da meine Großmutter mein erster Lebensmensch war, konnte ich nicht umhin, mich mit ihr und ihrem Schicksal auseinanderzusetzen. Meine Großmutter war nicht die erste Frau meines Großvaters und auch meine Großmutter war vor der Heirat mit meinem Großvater schon einmal verheiratet gewesen. Mein Großvater musste mitten im Krieg die Reise nach Hause antreten, weil seine erste Frau an den Folgen einer Kehlkopfoperation verstorben war. Nach einigen Wochen Heimaturlaub ging es dann für ihn wieder zurück an die Front, während er seinen damals fünfjährigen Sohn, meinen Onkel, bei seiner Mutter, meiner Urgroßmutter, zurücklassen musste.

Meine Großmutter wiederum durchlebte in diesen Jahren wohl die schönste Zeit ihres Lebens. Im Rahmen eines Einsatzes im sogenannten Reichsarbeitsdienst hatte sie die engen Grenzen ihres burgenländischen Heimatdorfes hinter sich gelassen und war nach Deutschland gekommen, wo sie als Erntehelferin zum Einsatz kam. Wie es genau geschah, hat sich in der Familiengeschichte leider nicht erhalten, aber sie lernte im deutschen Diepholz wohl die Liebe ihres Lebens kennen. 1944 war ihr Glück vollkommen, als beide zusammen in Riedlingsdorf heirateten. Sechs Wochen später hielt sie dann einen Brief in den Händen, der ihr Leben für immer verändern sollte, denn in dem Brief stand, dass ihr Mann bei einem deutschen Gegenangriff einen Bauchschuss erlitten hatte, an dessen Folgen er wenig später verstarb. Ihr Mann war nicht der einzige Gefallene in seiner Familie, denn auch keiner seiner drei Brüder sollte aus diesem schrecklichen Krieg zurückkehren. Einen Tom Hanks, der auszieht um den Soldaten Ryan zu retten, den gibt es nämlich nur in Hollywood.

1945 besetzte die Rote Armee unsere Ortschaft und die Soldaten rächten sich vornehmlich an der weiblichen Bevölkerung für all das was zuvor in deutschem Namen in der Sowjetunion an Verbrechen passiert war. Meiner Großmutter und ihren Schwestern gelang es diesen Ausschreitungen zu entgehen, indem sie rechtzeitig nach Salzburg flohen. Wieder in ihr Heimatdorf zurückgekehrt musste sie als Witwe daran denken ihr Leben fortzusetzen und da schien es wohl vernünftig wieder zu heiraten. So heiratete sie ihren Nachbarn, der ebenfalls Witwer war, meinen Großvater. In weiterer Folge gelang ist ihr im Glauben Linderung für ihre Trauer und ihren Schmerz zu finden, aber letztendlich bahnten sich diese in Form des Krebses doch ihren Weg.

 

Ein unerwarteter Lebensmensch trat in mein Leben

1984 hatte ich die Matura bestanden und war gerade dabei mich anzuschicken meinen Grundwehrdienst abzuleisten, als bei meinem Großvater ein Brief eintrudelte, der mir einen neuen Lebensmenschen bescheren sollte, mit dem ich so nicht gerechnet hätte. Der Brief stammte von einem deutschen Polizeioberst, der darüber berichtete, dass er als 14-jähriger im Winter 1939/40 Adolf, den Bruder meines Großvaters, kennengelernt hatte. So schrieb er: „Ich war damals 14 Jahre alt, ein Alter, in dem Jungen zu allen Zeiten und in allen Ländern wohl ein besonders aufgeschlossenes Verhältnis zu Soldaten haben. Mit Ihrem Adolf habe ich mich jedenfalls prächtig verstanden…Am 6. Juli werden es 44 Jahre her sein, daß „unser“ Adolf sein Leben lassen mußte; die Nachricht von seinem Tode hat mich damals sehr erschüttert – und heute fragen wir uns oft: Für was wurden die Opfer gefordert und gebracht? Hatte alles einen Sinn und welchen?        

Ach ja, Adolf, da war doch was. Sein Sterbebild kannte ich und die Geschichte, dass er als Jüngster der Liebling meiner Urgroßmutter gewesen war. Mehr wusste ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht über ihn. Ich antwortete natürlich dem netten deutschen Polizeioberst und es entwickelte sich daraus eine lose Brieffreundschaft, die über 15 Jahre lang Bestand hatte. Diesem ersten Brief war es geschuldet, dass ich in die Lebensgeschichte meines Großonkels eintauchte und er, obwohl wir uns natürlich nie persönlich begegnet sind, zu einem Lebensmenschen für mich wurde. Ich weiß nicht mehr genau, wie es damals geschah aber irgendwann nach dem Tod meines Großvaters 1985 hatte ich dann auf einmal ein ganzes Konvolut an Briefen, Ansichtskarten, Bahnfahrkarten uvm. in den Händen, das sich dann als Korrespondenz meines Großonkels in der Zeit zwischen 1935 und 1942 herausstellen sollte. Ich begann die einzelnen Schriftstücke chronologisch zu ordnen und ich hatte mir auch in der Zwischenzeit die Geschichte der 44. Infanteriedivision organisiert zu der Adolf 1938 zum Kriegsdienst eingezogen war. Die Briefe offenbarten eine Lebensgeschichte, die wohl als Blaupause für viele Leben von Österreichern seines Jahrganges herangezogen werden kann. Natürlich nicht für alle, denn nicht alle waren so wie er ein überzeugter Parteigänger von Adolf Hitler, zumindest in den ersten Jahren. Mein Großonkel gehörte wie mein Großvater auch, wie ich aus den Briefen herauslesen konnte, bereits 1936 als sogenannte Illegale der damals verbotenen NSDAP an und beide waren für einige Wochen in Wien für ihre politische Überzeugung sogar eingesperrt. Hitler war in den Geschichten meines Großvaters übrigens nie ein Thema gewesen. Wenn er von Politik sprach, dann von der tagesaktuellen und dann meist über Bruno Kreisky, den er sehr schätze. Bruno Kreisky, sicherlich nicht unbedingt das Idol eines alten Nazis, aber die Kriegsjahre im Urwald von Karelien hatten meinen Großvater wohl geläutert.

Aus den Briefen war herauszulesen, dass mein Großonkel Adolf auch einen Freund namens Hans hatte, mit dem er vor dem Krieg durch dick und dünn gegangen war. Hans war so wie Adolf auch in Wien als illegaler Nazi eingesperrt und während Adolf im Dezember 1938 zum Infanterieregiment 131 der 44. Infanteriedivision eingezogen wurden, blieb Hans zurück und verwaltete die Agenden der Ortsgruppe. In Briefen berichtete er seinem Kameraden über die Zustände in dieser, er schrieb über Raufereien innerhalb der Ortsgruppe und dass jene Kameraden, die früher die besten waren nun die schlechtesten seien. Als die Aufrüstung fortschritt, schlug Hans vonseiten einzelner Ortsbewohner, deren Angehörige bereits einberufen worden waren, Wut und Hass entgegen, weil er als Partieangehöriger sich immer noch in der Ortschaft aufhielt.

Am 1. September 1939 begann für Adolfs Division der Zweite Weltkrieg. Gleich am ersten Tag schlug eine polnische Artilleriegranate ausgerechnet auf dem Vormarschweg von Adolfs Kompanie ein und einer seiner Kameraden war der erste Gefallene der 44. Infanteriedivision in diesem Krieg, dem noch Zehntausende folgen sollten. Gleich sechzig seiner Regimentskameraden fielen am 18. und 19. September 1939, als sein Regiment zufällig die Rückzugsstraße einer ganzen polnischen Division blockierte und sich dann gegen die verzweifelten Angriffe der polnischen Soldaten wehren musste. In einem Brief an seine Mutter schrieb er im Angesicht dieser tragischen Ereignisse am Abend des 19.: „Ich werde diesen Tag nicht vergessen, er war doch so wichtig. Nach schwerem Ringen mit hungrigem Magen in den späten Abendstunden gab mir ein Kamerad von der Mutter einen Brief. Worte, die so gottvertraut waren, gaben mir frischen Mut.“

Die 44. Infanteriedivision wurde nach dem Polenfeldzug in den Raum Niedersachsen verlegt, wo man die Soldaten auf viele Einzelquartiere aufteilte. Adolf landete schließlich in Bad Gandersheim bei der Familie des späteren Polizeiobersten. Die Korrespondenz von Adolf enthielt auch einige Briefe der Mutter des Jungen, welche sie an meine Urgroßmutter gerichtet hatte. Ich habe diese Briefe Jahrzehnte später meinem Brieffreund retourniert und er schrieb mir dann voller Dankbarkeit, dass er nach einem halben Jahrhundert wieder Schriftstücke mit der Schrift seiner Mutter in den Händen halten konnte, denn der Krieg hatte auch in seiner Familie furchtbar gewütet. Seine Mutter und sein kleiner Bruder starben an einer Lebensmittelvergiftung, seine Schwester kam zu Verwandten nach Ostpreußen und erlebte dort den Schrecken des Einmarsches der Roten Armee und der Aussiedlung in den Nachkriegsjahren.

In Adolfs Briefen fällt auf, dass sie zwar alle eine Sehnsucht nach Frieden beinhalten, er aber während des Polenfeldzuges 1939 und des Frankreichfeldzuges 1940 nach wie vor an seinen Führer Adolf Hitler glaubte. Dies änderte sich mit den Schrecken des Russlandfeldzuges 1941. Bezugnahmen auf Hitler fehlten nun vollkommen in den Briefen, stattdessen schrieb er immer mehr über Gott, der hoffentlich bald den Frieden bringen würde.

Aus dem Juli 1942 datiert schließlich das an meine Urgroßmutter gerichtete Schreiben des Kompaniechefs Oberleutnant Schatte, in dem dieser darüber berichtete, dass Adolf beim Verlegen von Minen in der ukrainischen Stadt Kupjansk von Explosionssplittern getroffen worden und dann wenige Stunden später an den Folgen dieser Verwundung verstorben war. Sein Freund Hans überlebte Adolf nur um drei Wochen, denn bei einem Luftangriff vor den Toren von Stalingrad starb auch dieser durch eine sowjetische Fliegerbombe.  Oberleutnant Schatte war einer der letzten Offiziere seines Regiments, er fiel zusammen mit vielen von Adolfs Pionierkameraden bei der Verteidigung des Flugplatzes Pitomnik im Kessel von Stalingrad.

Die Lebensgeschichte von Adolf hat mich über Jahrzehnte nicht losgelassen, ich habe sie niedergeschrieben und sie seinen Verwandten zur Verfügung gestellt. Dadurch sind weitere Briefe und Fotos aufgetaucht, die Adolf an seine Verwandtschaft verschickt hatte, welche wiederum seine Geschichte ergänzten. Als das Internet aufkam, habe ich begonnen seine Geschichte zu veröffentlichen. Mittlerweile kann man sie auf Regiowiki nachlesen. Über 110.000-mal wurde der Artikel dort bereits angeklickt und auch in mehreren wissenschaftlichen Arbeiten wurden einiger seiner Briefe bereits als Quellen verwendet. Manches Mal erreichen mich Mails, wo mir Menschen mitteilen, dass sie jetzt endlich verstehen können, was ihre Väter erlebt haben, denn mit ihren Kindern hätten nicht alle über diese Zeit gesprochen.

 

Die Gefallenen der Gemeinde Riedlingsdorf

Nach der Jahrtausendwende hatte ich die Idee, meine Nachforschungen auf alle Gefallene, 97 an der Zahl, meiner Ortschaft auszudehnen. Ich legte mir eine Namensliste an, indem ich die Namen vom Kriegerdenkmal abschrieb, ergänzte die Liste mit Daten von Grabsteinen und schickte das Ganze an die WAst, die ehemalige Wehrmachtsauskunftsstelle, mit Bitte um Ergänzung. Und dann begann ich etwas, dessen Tragweite ich zuerst nicht richtig abschätzen konnte, ich besuchte die Angehörigen der Gefallenen. Ich sprach mit Witwen und mit Kindern, von denen manche ihre Väter nie kennenlernen konnten. Der Beginn der Gespräche war dabei oft etwas eigenartig. Manche Angehörige glaubten zuerst, dass ich einen Auftrag von der Gemeinde oder vom Staat hatte, sie nach den Gefallenen zu befragen. Manche waren verwirrt, weil sie nicht verstehen konnten, dass nach so langer Zeit jemand kommt um sich nach ihren Verwandten zu erkundigen. Und es gab auch solche, die irgendwie darauf vorbereitet waren, so als hätten sie Jahrzehnte darauf gewartet, dass endlich wer kommt und sich für das Schicksal ihrer Lieben interessiert. Besonders emotional verliefen meist die Gespräche mit denen, die nicht vorbereitet waren, weil hier vermutlich durch das Gespräch Wunden aufgerissen wurden, die man längst vergessen hatte oder sie bewusst ganz, ganz weit im eigenen Unterbewusstsein versenkt hatte um nur ja nicht mit ihnen in Berührung zu kommen.

Teilweise kamen dabei ganz schreckliche Geschichten zutage. So gab es eine Familie, zu der Anfang Mai 1942 der Briefträger mit der Mitteilung kam, dass einer ihrer zwei Söhne in Finnland gefallen war. Am Nachmittag des gleichen Tages kam dann der Briefträger ein zweites Mal und um die Nachricht zu überbringen, dass auch der andere Sohn gefallen war. Eine andere Geschichte erzählte davon, dass im ehemaligen Jugoslawien ein Riedlingsdorfer Soldat beim Durchqueren einer Ortschaft aus einem Keller heraus hinterrücks von einem jungen Mädchen mit einem Gewehr erschossen worden war. Der Unteroffizier des Soldaten drang daraufhin den Kellerraum und erschlug die Jugendliche kurzerhand mit dem Gewehrkolben.

Es gab aber auch andere, teilweise ziemlich skurrile, Erzählungen. So fiel es einem Bauern eines Tages auf, dass sich die Hühner ganz eigenartig verhielten und er schloss daraus, dass irgendetwas Schlimmes passiert sein musste. Tatsächlich stellte sich im Nachhinein heraus, dass zu dieser Stunde sein Sohn beim Vormarsch der Heeresgruppe Nord in Richtung Leningrad gefallen war. Ein anderer Riedlingsdorfer verlor sein Leben bei den Endkämpfen 1945 in der Oststeiermark. Er liegt seither dort auf einem kleinen Ortsfriedhof begraben. Seine Frau hätte den Leichnam angeblich zurückhaben können, doch sie verzichtete darauf, weil sie erfahren hatte, dass ihr Ehemann dort eine Liebschaft zugelegt hatte.

 

Der Brandhorizont in der Familie meines Vaters

Mehr als zwei oder drei derartige Gespräche an einem Wochenende konnte ich damals nicht durchführen, weil mir das Gehörte oft sehr nahe ging. Auch kam durch diese Nachforschungen meine Familie väterlicherseits in meinen Fokus, denn bis zu diesem Datum hatte ich mich lediglich mit der Familiengeschichte meiner Mutter beschäftigt. Das lag wohl daran, dass bei uns die Generationen verschoben sind, weil mein Vater ein extremer Nachzügler ist. So kann ich mich zwar an meinen Großvater und meine Großmutter väterlicherseits noch erinnern, aber ich war erst sechs bzw. fünf Jahre alt als sie verstarben. So musste mein Vater als Ersatz herhalten und erzählte mir von seinem Bruder Hans, der 1944 im Krieg gefallen war. Von ihm waren lediglich ein Packen Fotos sowie zwei Briefe erhalten geblieben. Die anderen Briefe soll mein Großvater irgendwann einmal im Ofen eingeheizt haben, weil meine Großmutter immer zu weinen begann, wenn sie diese Briefe las. Die Fotos waren insofern sehr interessant, weil aus ihnen hervorgeht, dass auch mein Onkel Hans, ebenso wie mein Großonkel Adolf mütterlicherseits, Angehöriger der 44. Infanteriedivision war. Er gehörte zum Pionierbataillon 80 und kam mit dieser Einheit bis in die Nähe von Stalingrad. Dort wurde er verwundet und konnte so in die Heimat zurückkehren, während seine Kameraden zusammen mit der gesamten 6. Armee im Kessel von Stalingrad untergingen. Wieder genesen kam er zu einer sogenannten „Legionärsdivision“, der 373. Infanteriedivision. Diese Division bestand aus kroatischen Mannschaften, während sich das Unteroffiziers- und Offizierspersonal zum großen Teil aus Angehörigen der Wehrmacht zusammensetzte. Mein Onkel war Unteroffizier und als die Lage Anfang Dezember 1944 für die Division im Raum Knin unhaltbar wurde, versuchte die Division aus dem sich anbahnenden Kessel auszubrechen. Wie ein Kamerad, der nach dem Krieg meine Großeltern besuchte, berichtete, hatte sich mein Onkel mit einer Brücke selbst in die Luft gesprengt um den Rückzug seiner Kameraden zu decken. Vermutlich wurde er deswegen posthum zum Feldwebel befördert.

Ein weiterer Angehöriger meiner Vaterfamilie verlor in den letzten Kriegstagen in Riedlingsdorf selbst sein Leben. Es war der Bruder meines Großvaters, der ebenfalls den Namen Hans trug. Da er bereits ein älteres Semester war, wurde er gegen Kriegsende zum Volkssturm einberufen. Die Aufgabe der kleinen Einheit meines Großonkels war es den kleinen Bahnhof Alt-Pinkafeld zu bewachen. Vermutlich total überfordert mit der Situation betranken sich die Soldaten und während die anderen nach Hause gingen, schlief mit Großonkel im Bahnhofsgebäude ein. Zu seinem Pech erreichten am Abend des 5. Aprils 1945 die Spitzen der sowjetischen 26. Armee das Bahnhofsgelände und fanden dort den bewaffneten, schlafenden Volkssturmmann vor. Was dann geschah würde man heute wohl als Overkill bezeichnen, denn mein Großvater zählte fast 80 Bajonettstiche als er am nächsten Tag unter Androhung des gleichen Schicksals dazu gezwungen wurde, seinen Bruder mit einem Leiterwagen abzuholen und ihn auf dem Riedlingsdorfer Ortsfriedhof zu begraben. Was die Sache noch mehr verstörend macht, ist, dass diese Tat laut Aussage meines Großvaters von sogenannten „Flintenweibern“, also weiblichen Angehörigen der Roten Armee, begangen worden war. Unvorstellbar für uns heute wie viel Hass dieser Krieg in den Menschen hervorgerufen hat.

 

Elisabeth – das vorläufige Ende meiner Reise

Gegen Mitte der 2000er-Jahre war ich der Ansicht, dass ich den Brandhorizont meiner Familie endgültig und umfassend erkundet hatte und mir nun ein vollständiges Bild der Auswirkungen des Krieges auf meine Familie vorlag. Wir sehr ich mich da aber getäuscht hatte! Der Grund für diese Fehleinschätzung war, dass ich mich bis zu diesem Zeitpunkt nur mit der militärischen Seite des Krieges befasst aber andere Aspekte der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft außen vorgelassen hatte. Mir war zwar nicht entgangen, dass es da Elisabeth, eine Schwester meines Großvaters väterlicherseits, gegeben hatte, mit der irgendetwas passiert sein musste, weil sich ihre Spur im Krieg verlor. Laut meinem Vater sprach mein Großvater immer wieder von ihr und rätselte darüber, was mir ihr wohl passiert sei. Zum letzten Mal hatte er sie vor dem Krieg gesehen, als sie in die Landes Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke am Feldhof in Graz eingeliefert worden war, von wo sie nicht mehr zurückkehrte.

Mitte der 2010er-Jahren war ich dann endlich soweit, mich nun auch mit diesem letzten Puzzleteil meiner Familiengeschichte zu beschäftigen. Ich hatte schon vorher vom Euthanasieprogramm der Nazis gehört, über das Internet konnte ich dann Hintergründe zu der sogenannten Aktion T4 recherchieren und so stieß ich auf einen Ort namens Hartheim, der mir bis zu diesem Zeitpunkt völlig unbekannt war. Jenes Schloss Hartheim, das heute als Gedenkstätte daran erinnert, dass hier in den Jahren 1940 und 1941 rund 18.000 Morde an Psychiatriepatienten erfolgten. Ich verfasste also ein Mail an die Gedenkstätte und ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich bereits wenige Tage später in meinem Mailordner die Antwort auf meine Anfrage vorfand. Obwohl das Ergebnis meiner Anfrage im Nachhinein gesehen wohl vorhersehbar war, traf es mich wie ein Keulenschlag. Im Mail stand, dass meine Großtante am 7. Februar 1941 zusammen mit weiteren 75 Patientinnen und Patienten der Grazer Einrichtung in Richtung Oberdonau abtransportiert war. Aus den Akten sei nicht ersichtlich, ob sie noch am gleichen Tag umgebracht worden war oder ob sie erst über die Zwischenstation Niedernhart nach Hartheim gelangt und dann erst einige Tage später ermordet worden war. Der Keulenschlag, der mich in diesem Moment traf, war, dass es gefühlt auf einmal einen großen Unterschied ausmachte, ob die Verbrechen der Nazis irgendwo im besetzten Polen oder in den Weiten der Sowjetunion erfolgten oder sie direkt in meiner Familie passierten.

Anfang der Sommerferien 2017 fuhr ich dann mit meiner Familie nach Alkoven um die heutige Gedenkstätte Schloss Hartheim zu besuchen. Dem Zivildiener an der Kasse erzählte ich, dass auch meine Großtante hier ums Leben gekommen sei. Er sah mich daraufhin mit großen Augen an und sagte einen Satz, der auch heute noch in mir nachklingt: „Dann sind sie ja Opferangehöriger!“. Opferangehöriger! Das ist ein großes Wort, ein sehr großes Wort. Vor allem für jemand, dessen Reise durch die Brandschicht der eigenen Familie vor Jahrzehnten begonnen hatte und nun an den Schwellen von Schloss Hartheim wohl ein Ende finden würde, zumindest glaubte ich das zu diesem Zeitpunkt. Als Opferangehöriger hat man in Schloss Hartheim das Privileg, dass man eine spezielle Führung von einem Historiker durch die wenigen Räumlichkeiten bekommt, die notwendig waren, um 18.000 Menschen ganz einfach verschwinden zu lassen. Ein Umkleideraum, ein Untersuchungsraum, die Gaskammer, das Krematorium und vielleicht noch ein paar Nebenräume, viel mehr war für dieses Massenverbrechen nicht notwendig. Und um diesen Irrsinn komplett zu machen, wurden diese Räume nach dem Krieg als große Wohnungsnot herrschte wieder als Lager- und Wohnräume genutzt. Um der Opfer zu gedenken, sind im sogenannten Untersuchungsraum in zufälliger Reihenfolge die Namen der Opfer auf Glasstelen eingraviert. Also ich dann den Namen meiner Großtante Elisabeth fand, konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten, zu emotional war das Gehörte und das Gesehene. Und die Dinge wirkten noch derart nach, dass ich in den Sommerferien 2017 begann den Wikipedia-Artikel über die Tötungsanstalt Schloss Hartheim um ein Vielfaches auszubauen und das Unfassbare, das dort geschehen ist, in all seinen Facetten zu beleuchten. Wie ich später von der Gedenkstätte in Erfahrung bringen konnte, hat diese Erweiterung des Wikipedia-Artikels auch das Interesse der Menschen an dieser Thematik zusätzlich geweckt. So konnte ich mit der Aufarbeitung meiner eigenen Emotionen vielleicht auch etwas Positives bewirken.

Und auch das war noch nicht ganz das Ende, denn 2021 kam die Gemeinde Riedlingsdorf mit der Idee eines historischen Rundweges auf mich zu. Ich entwickelte ein Konzept und die Station 11 des Schalotten-Rundweges, wie der Weg dann genannt wurde, befindet sich unmittelbarer Nähe zum Friedens- und Kriegerdenkmal und erinnert unter anderem auch an Adolf und Elisabeth, vielleicht die beiden extremsten Charaktere in der Brandschicht meiner Familiengeschichte.

Wie viele derartige Schicksale mögen wohl in den Brandschichten Millionen anderer Familiensysteme noch verborgen sein und dort durch die unbewusste Weitergabe des Schmerzes von Generation zu Generation auf jene Menschen einwirken, die heute achtlos an Kriegerdenkmäler und Gedenkstätten vorbeigehen?

 

Am Platz beim Riedlingsdorfer Gemeindeamt stehen sich Kriegerdenkmal und Friedenstaube gegenüber

Quelle : ein Betroffener
Fotos : Pixabay, (C) Brigitta Trsek
Ein Beitrag gefördert vom Land Burgenland

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